Die hohe Schule des Streiks

Ein Sammelband widmet sich den Kämpfen gegen prekäre Arbeitsbedingungen an deutschen Hochschulen.


Es war ein ungewohntes Bild: Die Mensen leer, die Bibliotheken geschlossen, die Hörsäle verrammelt. Zahlreiche universitäre Institute in ganz Deutschland ließen am 20. November 2023 die Arbeit ruhen. »Schluss mit prekärer Wissenschaft« lautete die Forderung der Beschäftigen, die im Rahmen der Tarifrunde des öffentlichen Diensts der Länder am ersten bundesweiten Hochschulaktions- und Streiktag teilnahmen.

Dabei galten universitäre Einrichtungen stets als schwer erreichbar für gewerkschaftliche Organisierung. Mit einem Mal aber zeigte sich, dass auch an Hochschulen Arbeitskämpfe möglich sind. Insgesamt fanden an über 80 Orten Arbeitsniederlegungen statt. Rund 14 000 Beschäftigte demonstrierten für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne.

»Gewerkschaftliche Kämpfe werden nicht mit besseren Argumenten gewonnen, sondern durch den Aufbau von Gegenmacht.« Ann-Kathrin Hoffmann und Marvin Hopp

Befristete Arbeitsverträge, wie sie für 90 Prozent der Stellen gelten, und unbezahlte Überstunden prägten die Arbeit von wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen, so fasst es Maike Finnern, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), zusammen. Zudem fehle es den studentischen Beschäftigten an Mitbestimmung und tariflicher Absicherung ihrer Arbeit. Die Zustände sind also alles andere als akzeptabel. Aber was hat nun den Ausschlag gegeben, sich endlich organisiert zu wehren, und wie ist man dabei vorgegangen?

Das zu beantworten, versucht der kürzlich im VSA-Verlag erschienen Sammelband »Arbeitskämpfe an die Hochschulen! Beschäftigungsbedingungen und Strategien gewerkschaftlicher Gegenmacht«. Ann-Kathrin Hoffmann und Marvin Hopp versammeln darin Berichte und Analysen von mehr als 70 Autorinnen und Autoren, die zumeist wie die Herausgeber selbst in der TV-Stud-Initiative engagiert sind. Die Abkürzung TV Stud steht für »Tarifvertrag für studentische Beschäftigte«; die Initiative ist eine gewerkschaftliche Basisbewegung für einen solchen Tarifvertrag sowie mehr Mitbestimmung für studentische Beschäftigte an deutschen Hochschulen, die seit 2018 in verschiedenen Teilen Deutschlands aktiv und seit 2021 bundesweit vernetzt ist.

Im Buch berichten Lehrbeauftragte von ihren Kämpfen für mehr Planbarkeit und Absicherung, Beschäftigte aus outgesourcten Tochterunternehmen rekapitulieren ihre Bemühungen um Angleichung und Wiedereingliederung in den Flächentarifvertrag, Personalräte und Vertrauensleute schildern den Aufbau gewerkschaftlicher Betriebsgruppen und Promovierende sprechen über Vereinzelung im akademischen Bereich und die Versuche, sich in Mittelbau- und Entlassungsinitiativen zusammenzuschließen.

Oft prekäre Beschäftigungsbedingungen an Hochschulen

Der Sammelband stellt die oft prekären Beschäftigungsbedingungen an Hochschulen aber nicht nur dar, sondern dokumentiert auch die gewerkschaftlichen Kämpfe der vergangenen Jahre, die schließlich im ersten bundesweiten Branchenstreiktag mündeten. Dass neben Arbeitsforschern und hauptamtlichen Gewerkschaftssekretären vor allem die Betroffenen selbst zu Wort kommen, unterstreicht das Anliegen der Herausgeber, die traditionelle Hierarchie der verschiedenen Statusgruppen im universitären Betrieb aufzuweichen, da diese die gemeinsame gewerkschaftliche Organisierung und Interessendurchsetzung erschwert. »Denn nur entlang gemeinsamer Verbindungslinien und Bezugspunkte kann die kollektive Gegenmacht entstehen, die es braucht, um Hochschule(n) und den öffentlichen Dienst von unten grundlegend zu verändern«, konstatieren die Herausgeber.

Der Sammelband behandelt die Arbeitskämpfe technischer Beschäftigter oder Verwaltungsmitarbeiter deshalb gleichberechtigt neben den wachsenden Auseinandersetzungen im akademischen Sektor.

Ergänzt werden die arbeitssoziologischen Analysen durch strategische Perspektiven für einen gewerkschaftlichen Aufbruch an den Hochschulen. Deutlich wird dies vor allem in den Beiträgen zur Tarifbewegung studentischer Beschäftigter. 13 verschiedene TV-Stud-Initiativen geben hier einen detaillierten Einblick in ihre Arbeit und berichten, wie sie mit Mitteln des gewerkschaftlichen »Organizing« Erfolge erzielen konnten. Indem der Sammelband detailliert den Aufbau gewerkschaftlicher Basisgruppen und die Organisierungserfolge in den unterschiedlichsten Bereichen der Hochschulen beschreibt, erklärt er stichhaltig, wie es zum ersten Branchenstreiktag an Hochschulen kommen konnte.

Im Herbst beginnen die Tarifverhandlungen der Länder

Gerade rechtzeitig vor der im Herbst beginnenden Tarifverhandlungen der Länder wird damit noch einmal verdeutlicht, was die wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Arbeitskampf auch in der Wissenschaft ist: die Organisierung der Beschäftigten für ihre Inter­essen.

»Gewerkschaftliche Kämpfe werden nicht mit besseren Argumenten gewonnen, sondern durch den Aufbau von Gegenmacht«, stellen Hoffmann und Hopp fest. Die beiden wissen, wovon sie sprechen: Hoffmann war Bundessprecherin der Studierenden in der GEW und ist seit ihrer Gründung in der TV-Stud-Initiative aktiv. Hopp, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Göttingen arbeitet, beteiligte sich am Aufbau der TV-Stud-Initiative in Hamburg sowie der bundesweiten TV-Stud-Bewegung. Beide würdigen die Mobilisierungserfolge der vergangenen Jahre, sind aber realistisch genug, um im Streiktag nicht gleich den Vorschein einer Revolution zu erblicken.

Die Herausgeber konstatieren, dass es bei den bisherigen gewerkschaftlichen Organisierungsversuchen zu selten gelungen ist, die Trennung der verschiedenen Statusgruppen zu überwinden.

Bereits der Einleitung machen die beiden klar, dass im Verhältnis zur Gesamtzahl der Beschäftigten an deutschen Hochschulen die Beteiligung am Branchenaktionstag viel zu gering war, um den akademischen Betrieb ernsthaft zu beeinträchtigen. Sowohl gemessen am industriellen Sektor als auch im Vergleich zu vielen anderen Bereichen des öffentlichen Diensts ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad an Hochschulen weiterhin niedrig, insbesondere im wissenschaftlichen Bereich. Zwar kann es, wie zahlreiche Beispiele im Buch zeigen, trotzdem gelingen, durch öffentlichkeitswirksame Aktionen die Aufmerksamkeit auf die Missstände zu lenken. Gerade zur Durchsetzung tariflicher Regelungen braucht es am Ende jedoch Organisationsmacht, die sich nicht zuletzt in Mitgliederstärke ausdrückt.

Die Herausgeber konstatieren zudem, dass es bei den bisherigen gewerkschaftlichen Organisierungsversuchen zu selten gelungen ist, die Trennung der verschiedenen Statusgruppen zu überwinden – ein Umstand, der es der Arbeitgeberseite erleichtert, diese gegeneinander auszuspielen.

Ob der 20. November 2023 also schon der Höhepunkt der Arbeitskämpfe an Hochschulen war oder der Auftakt für eine anhaltende Streikbewegung gegen die Prekarität im Wissenschaftsbetrieb, wird sich noch zeigen. Vielleicht schon im nun beginnenden Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst der Länder.

 

Erschienen in Jungle World 35/2025