Anspruch und Realität sogenannter Sozialunternehmen klaffen auseinander
Sogenannte Sozialunternehmer versuchen, aus dem Rückzug des Staats Profit zu schlagen.
Die kleinen Solarkraftwerke sollten Afrika revolutionieren. »Solartainer« wurden die farbenfroh bemalten Frachtcontainer genannt, auf deren Dächern Photovoltaikpaneele montiert sind. Die Firma Africa Greentec plante, mit ihrer Hilfe Dörfer in der Sahelzone mit Strom zu versorgen. In Niger, Mali oder Senegal sollte dezentral und ökologisch Energie für den täglichen Bedarf gewonnen werden.
Schnell wurde Africa Greentec zum Aushängeschild des wachsenden Sektors der Sozialunternehmen. Überhäuft mit Preisen und gefeiert von den Medien gelang es dem Unternehmen, fast ein Jahrzehnt lang Millionensummen bei Kleinanlegern und professionellen Investoren einzuwerben. Hinzu kam mehrere Millionen Euro staatlicher Förderung.
Statt jedoch mit dem »Solartainer« die Welt zu verbessern, kämpft das einstige Vorzeigeunternehmen nun gegen die drohende Insolvenz – und mit kritischen Medienberichten und der Justiz. Undurchsichtiges Geschäftsgebaren, Zweckentfremdung von Mitteln und Misswirtschaft lauten die Vorwürfe, über die die »Tagesschau« und Süddeutsche Zeitung berichteten.
Gerne ausgeblendet wird die Grundlage des Booms der Sozialunternehmen: der Rückzug des Staats, der im Zuge neoliberaler Reformen seit Jahrzehnten forciert wird.
Es ist nicht der erste sogenannte Social Entrepreneur, der Aufsichts- und Ermittlungsbehörden beschäftigt. Dem Aufsehen um das Sozialunternehmertum tut dies jedoch keinen Abbruch. Ob Umweltschutz, Entwicklungshilfe, Bildung oder Arbeitsmarktintegration – es gibt kein soziales Problem, das sich den Verfechtern des sozialen Unternehmertums zufolge nicht mit innovativen Geschäftsideen lösen lässt. Gut 100.000 Sozialunternehmen gibt es in Deutschland, immer mehr Universitäten richten gar Lehrstühle für Social Entrepreneurship ein.
Kein Wunder, fügen sich die Sozialunternehmen doch ideal in die neoliberale Ideologie ein. Einzig mit marktwirtschaftlichen Mitteln ließen sich demzufolge die Probleme der Welt lösen. Wie üblich beim Kult ums Unternehmertum werden dabei auch die Unternehmerpersönlichkeiten gefeiert – der Gründer von Africa Greentec sprach selbst vom Konzept des »Heropreneur«.
»Soziales Unternehmertum ist ein entscheidender Treiber sozialen Wandels«, behauptet beispielsweise die Universität Passau. Laut dem Deutschlandfunk steht im Mittelpunkt seines Wirtschaftens »nicht der Profit um jeden Preis, sondern die Wirkung, die ein Unternehmen mit seinen Produkten oder Dienstleistungen erzielt – der Social Impact«.
Die Zwänge der Kapitalakkumulation
Was in den Lobeshymnen von Wirtschaftsanalyst:innen und Medienvertreter:innen meist untergeht, ist, dass auch die Sozialunternehmen den Zwängen der Kapitalakkumulation unterworfen sind. »Das primäre Ziel von Social Entrepreneurship ist die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen«, heißt es in der Definition des Interessenverbandes Social-Entrepreneurship-Netzwerk Deutschland. Doch das stimmt nicht, denn um wirtschaftlich erfolgreich zu sein und die Kapitalgeber auszuzahlen, gilt es zunächst einmal, profitabel zu sein. Darin unterscheidet sich das »soziale« nicht von jedem anderen Unternehmen.
Um Profit zu erzielen, muss man in der Regel bereit sein, moralische Vorbehalte hintanzustellen und auf die üblichen Methoden zurückzugreifen: niedrige Löhne, prekäre Arbeitsverhältnisse und so weiter. Alternativ kann man sich durch staatliche Fördermittel und Subventionen finanzieren – man entzieht sich also den Marktmechanismen, die man selbst propagiert. Oder – und das könnte im Falle von Africa Greentec geschehen sein – man nutzt das eigene Weltverbesserer-Image einfach, um immer neues Kapital einzuwerben, bis das Kartenhaus zusammenbricht.
Gerne ausgeblendet wird die Grundlage des Booms der Sozialunternehmen: der Rückzug des Staats, der im Zuge neoliberaler Reformen seit Jahrzehnten forciert wird. »Social Entrepreneurs« agieren meist dort, wo eigentlich der Staat gefragt wäre. Sie entwickeln Geschäftsmodelle zur Energiegewinnung oder für den Nahverkehr, übernehmen Bildungsaufgaben oder die Vermittlung Erwerbsloser. Häufig treiben Sozialunternehmen damit die privatwirtschaftliche Transformation sozialer Infrastruktur voran. Ein »social impact«, der letztlich kaum zur Rettung der Welt, sondern vielmehr zu deren weiterer kapitalistischer Durchdringung beiträgt.
Erschienen in Jungle World 44/2025